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[inszenieren] Die Besetzung festlegen

9 Kommentare

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Was braucht man am Anfang eines Inszenierungsprozesses? Klar, natürlich ein passendes Theaterstück. Und was noch? Auch klar, natürlich Schauspieler. In meinem Fall sind das zusammengewürfelte Studenten aus verschiedenen Studiengängen, die einfach Bock haben in ihrer Freizeit auf der Bühne zu stehen uns sich auszutoben. Das sind also optimale Voraussetzungen für eine lustige Runde und eine lustige Probenphase. Ich finde es auch wichtig, dass sich in einer (Laien-)Spielgruppen alle gut verstehen und irgendwie miteinander reden können. Kommt Unwohlsein oder sogar Stunk auf, ist die Stimmung gleich verkrampft und die Spielfreude leidet. Es ist besser ein bisschen mehr rumzublödeln oder über Gott und die Welt zu reden, als strickt seinen Probenplan zu verfolgen. Hat man erstmal eine gute Grundchemie geschaffen, probt es sich auch leichter. Zurück zur Besetzung. Worauf habe ich bei der Besetzung zu Die Leiche in der Badewanne von Mike LaMarr geachtet?

Die Charaktere

In der Geschichte sind schon bestimmte Typen und Charaktere festgelegt. Die gehen schon in eine bestimmte Richtung, aber Interpretationsspielraum gibt es immer. Wir kennen das ja noch aus der Schule, wenn im Deutschunterricht Szeneninterpretationen anstanden. Damals hatte man die Tendenz einen Konsens zu finden. Wie meint er das? Was fühlt sie dort? Was man dort aus den Augen verliert, ist, dass es durchaus verschiedene Interpretationsmöglichkeiten gibt. Wir können nie die 100%-igen Intentionen des Autors herauslesen. Deshalb muss man einfach genau lesen, wer was wann sagt. Wer steht mit wem wie in Beziehung? Wo liegt der Konflikt?

Exkurs: Rolle – Schauspieler – Figur

An dieser Stelle möchte ich schnell eine theaterwissenschaftliche Unterscheidung der drei Begriffe Rolle – Schauspieler- Figur erläutern. Mit Rolle ist all das gemeint, was im Text steht (Gesagtes, Regieanweisungen). Der Schauspieler ist logischerweise die Person an sich – klar. Am spannendsten ist aber die Figur: In ihr vereinen sich die vorhergehenden Begriffe, d.h. die Figur ist das, was der Schauspieler mit der Rolle auf der Bühne (vor Publikum) macht. Die Figur entsteht also im Sinne der Aufführung immer wieder neu. (Apropos, da fällt mir ein, vielleicht sollte ich einen allgemeinen Post zu Theaterbegriffen machen. Habt ihr Interesse daran?)

Der richtige „Typ“

Zurück zum Charkater: Hat man sich ein Bild von den einzelnen Charakteren gemacht und eine Skizze im Kopf gezeichnet, welcher „Typ“ hinter so einer Rolle steckt, kann man sich überlegen, welcher seiner Schauspieler jeweils in die Rolle passt. Da stellen sich die Fragen der Körperlichkeit: Körperbau, Körpergröße, Ausstrahlung, Sprechweise, Dialekte, evtl. Haare,… Nicht nur, dass der Einzelne in eine Rolle passen muss, er muss auch zu den anderen, zu denen er in Beziehung steht, passen.

Können

Wenn jemand vom „Typ“ her passt, heißt das noch lange nicht, dass er das auch spielen kann. Am besten ist es natürlich, wenn man jemanden schonmal auf der Bühne gesehen oder generell sich mit jemanden schon Mal länger unterhalten hat. Man lernt seine Art zu sprechen kennen, sein Timing, seine Bewegungen, seine Ausstrahlung. All das muss man beim Auswählen bedenken. Ich bin noch neu in unserer Theatergruppe, deshalb fiel es mir nicht leicht, aber zumindest über die Hälfte kenne ich näher oder habe sie schonmal auf der Bühne gesehen. Dies ist auf jeden Fall sehr aufschlussreich und half mir dabei, die Charaktere in meinem Kopf durchzugehen und beim Lesen mir die verschiedenen Schauspieler schonmal vorzustellen. So entsteht ein Grundgerüst der Bestzung.

Zeit

Die meisten „meiner“ Schauspieler sind an erste Stelle Student. Und auch wenn ich mir als TheWi fiel freischaufeln kann, haben andere (besonders die Ingenieure) weniger freie Zeiten in ihrem Stundplan bzw. müssen mehr lernen als ich. Dass ich „so viel“ freie Zeit habe, liegt ja auch daran, dass mein Studiengang darauf ausgelegt ist, dass man künstlerische Sachen nebenher machen kann. Ist also ein Schauspieler zeitlich eingeschränkt, kann er eben nur eine kleine Rolle mit weniger Bühnenauftritten und Text bekommen, als er vielleicht mit uneingeschränkter Zeit bekommen hätte.

Leseprobe

Bei der ersten Leseprobe kann man das mal antesten, ob das, was man sich beim alleinigen stillen Lesens des Textes so ausgedacht hat. Passen die Stimmen? Passt die Erscheinung? Bei der Leseprobe gibt es natürlich noch mehr zu beachten, aber das gibts in einem nächsten Post.

Nichts ist entgültig

Bei imr steht die Besetzung jetzt zu 99% fest. Ich freue mich schon sehr auf die Probenphasen, denn da kann nochmal alles, was man sich vorher überlegt hat, umgekrempelt werden. Theater inszenieren ist ein Prozess, der von vielen Faktoren gelenkt wird. Man kann und sollte am Anfang den Kurs eingeben, doch man weiß nie, welche Windböe das Schiff in andere Bahnen lenkt.

Das nächste Mal: Die Leseproben

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Autor: priselotta

24 Jahre, Studentin (Theater- und Medienwissenschaft und Philosophie), verrückt nach Theater, Filmen, Serien, Büchern,...

9 Kommentare zu “[inszenieren] Die Besetzung festlegen

  1. klingt eigentlich nach einer wirklich super spaßigen sache! ich hab das noch nie aus der sicht des regisseurs gesehen :) theaterbegriffe würden mich insofern interessieren, als ich mich frage, ob ich diese begriffe (noch) alle kenne oder irgendwie anders gelernt hab ^.^

  2. Klingt toll!
    Es macht bestimmt irrsinnig Spaß so ein Projekt von der Grundplanung bis zur Aufführung zu begleiten.

    Liebe Grüße,
    Sarah Maria

  3. Habe schon manche Aufführung „meiner“ Leiche gesehen, doch noch nie die ganze Gedankenarbeit im Vorfeld dazu gelesen.
    In diesem Sinne viel Vergnügen beim Proben & dann Toi Toi Toi bei den Aufführungen.

    Mike LaMarr
    Männedorf, Schweiz

    • Vielen Dank! Ich bin auch schon gespannt. Das Stück ist auf jeden Fall eine Herausforderung für mich, weil es erst meine zweite Regiearbeit ist und man in Ihrem Stück viele verschiedene Charaktere herausarbeiten muss. Aber ich fühle mich der Aufgabe gewachsen. Außerdem sind wir ja noch Studenten und dürfen uns ausprobieren. ;)

  4. Pingback: [inszenieren] Mein Probenkonzept | liebeslieschen

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